Die Göttliche Komödie/knowing

Die Kunstszene in Luanda ist jung und lebendig und verfügt über eine politische Kraft, deren Wirkung noch nicht abzuschätzen ist.

Detail from 'Found not taken' series, March, 2013, Luanda, Angola. © E.Chagas

Detail from ‚Found not taken‘ series, March, 2013, Luanda, Angola. © E.Chagas

Zahlreiche neue Projekte und aufsteigende Akteure prägen derzeit die Kunstszene in Luanda.

Suzana Sousa

Seit mittlerweile zehn Jahren prägt die Luanda Triennale, das größte internationale Kunstevent der angolanischen Hauptstadt, die Kunstszene in Luanda. Initiiert von Fernando Alvim, fand die erste Ausstellung im Jahre 2007 statt. Doch hat es bereits in den fünf Jahren zuvor verschiedene kleinere Veranstaltungen gegeben, um den großen Moment vorzubereiten und um Unterstützung für die Triennale zu werben. Während dieser Zeit wurden die angolanischen Künstler durch Konferenzen und Residenzen von Künstlern wie Miquel Barceló oder DJ Spooky in die weltweite Kunstszene eingeführt. Gleichzeitig wurde das Projekt auf der internationalen Bühne präsentiert, um Angola einen größeren Platz in der Debatte über afrikanische Kunst zu eröffnen und eine nationale Position einzunehmen, die aus der beschränkten Perspektive auf einzelne Künstler hinausführt – wenngleich Fernando Alvim damals wie heute lediglich als Privatperson mit einer eigenen, privaten Institution auftritt. In diesem Kontext betraten Künstler wie Kiluanji Kia Henda oder Yonamine die internationale Szene, und eben dieser Kontext führte auch zu einer rasanten Zunahme der bereits bestehenden Sammlungen.

Da es in Angola keinerlei Kunstmuseen oder Kunstgalerien gab, stellten private und institutionelle Sammler die wichtigsten Mäzene des Landes dar. Durch die Internationalisierung der angolanischen Kunst ist deren Verantwortung weiter gestiegen, da sie nach wie vor als Unterstützer der Künste fungieren, zugleich aber einen kritischeren Blick angenommen haben, weil sie selbst ebenfalls mehr in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden.

Diese „private“ Geschichte der angolanischen Kunst hat vor Kurzem eine interessante Wendung erfahren: Sie hat die Aufmerksamkeit der Regierung auf sich gezogen, deren – zu erhoffende – politische Neuausrichtung Verbesserungen im Bereich des Urheberrechts sowie den Bau von Museen und Kunstakademien mit sich bringen wird. Im Jahr 2012 erhielt Kiluanji Kia Henda für seine Verdienste bei der Internationalisierung der angolanischen Kunst vom Kulturministerium den „National Prize for Culture“. Und auf der vergangenen Biennale in Venedig gewann der angolanische Pavillon mit der Ausstellung „Luanda: Encyclopaedic City“ des Künstlers Edson Chagas den Goldenen Löwen für die „Beste Nationale Teilnahme“. Kuratiert wurde diese Ausstellung von Beyond Entropy (Paula Nascimento und Stefano Pansera).

Der vom angolanischen Kulturministerium in Auftrag gegebene Pavillon präsentierte zwei Shows, die meiner Ansicht nach die Veränderungen reflektieren, die die zeitgenössische Kunst in Angola derzeit durchläuft. Das nationale Ethos, das bereits im Titel der von Jorge Gumbe kuratierten Show „Angola em Movimento“ („Angola in Bewegung“) offenkundig ist, wird von der zeitgenössischen Praxis ebenso wie von dem eigenen Blick der Künstler auf sich selbst und von ihrer Art der Eigenpräsentation in Frage gestellt. Es gibt eine neue Generation von Künstlern, die mit verschiedenen Medien experimentieren und die unabhängig von den politischen Ideologien der neueren angolanischen Geschichte arbeiten. Künstler, die politisch wie künstlerisch ein globalisiertes Selbstverständnis entwickelt haben.

Zahlreiche neue Projekte und aufsteigende Akteure prägen derzeit die Kunstszene in Luanda. 2012 hat Carlos Major das kuratorische Projekt Vidrul Fotografia entwickelt, bei dem jeweils vier Künstler einen Monat lang ausgestellt werden. In der letzten Ausgabe waren Werke von Kiwla, N’Dilo Mutima, Renato Fialho und Adiddy Love zu sehen. Zu dem Verdienst dieses Projektes, neue Künstler ans Licht der Öffentlichkeit zu bringen, gesellt sich das Experimentieren mit neuen Orten in der Stadt, die nicht unbedingt immer typische Ausstellungsräume sind. So fand die letzte Ausstellung im Hauptpostamt von Luanda statt. Ganz ähnlich verhält es sich mit e.studio, einem kulturellen Unternehmen, das von António Ole, RitaGT, Francisco Vidal und Nelo Teixeira gegründet wurde. Diese Künstlergruppe hat einen Raum für die Kunst geschaffen, an dem die Produktion von und Diskussion über Kunst gefördert werden soll. Institutionen wie das Portugiesische Kulturzentrum und die Foundation for Arts and Culture, eine israelische Organisation, bieten ebenfalls ein regelmäßiges kulturelles Programm mit nationalen Künstlern und Kuratoren.

In einem Gespräch mit der Fotografin Indira Mateta haben wir jüngst die Frage nach der Sichtbarkeit der Künstlerinnen in Angola gestellt. Das Fehlen einer offiziellen Lehre ist sicher einer der wichtigsten Gründe für die Marginalisierung von Künstlerinnen, aber eben auch die inoffiziellen Ausbildungssysteme, die dazu tendieren, Frauen eine untergeordnete Rolle zuzuschreiben, und insofern dazu beitragen, dass Frauen im Bereich der Kunst vor allem mit dem Kunsthandwerk in Verbindung gebracht werden. Seit Jahren kämpft Marcela Costa in ihrem Atelier/Kunstraum gegen diese Praxis an. Mittlerweile hat sie eine Gemeinde von Kunstliebhabern um sich geschart, die der von Frauen hergestellten Kunst huldigen. Dennoch ist es nach wie vor schwer für Künstlerinnen, in der lokalen Szene als zeitgenössische Kunstschaffende wahrgenommen zu werden.

Die Kunstszene in Luanda ist jung und lebendig und verfügt über eine politische Kraft, deren Wirkung noch nicht abzuschätzen ist. Im Zusammenspiel mit Subkulturen wie dem kuduro steht sie für eine politische Neuausrichtung, die sich mit dem alltäglichen Leben befasst und sich darin selbst reflektiert. In einem Land, über dem traditionell über Themen wie Politik das große Schweigen liegt, ist dies eine aufregende Neuerung.

Suzana Sousa lebt und arbeitet als freie Kuratorin in Luanda. Sie ist eine der Kuratorinnen der nächsten Triennale Luanda.

Dieser Beitrag wurde mit der freundlichen Erlaubnis unserer Medienpartner C& Contemporary And. Platform for international art from African perspectives hier reproduziert. Den Original-Artikel finden Sie hier.

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'The Great Italian Nude', 2010 © Kiluanji Kia Henda

‚The Great Italian Nude‘, 2010 © Kiluanji Kia Henda© Kiluanji Kia Henda

Art critic and curator Suzana Sousa gives us an exclusive insight.

by Suzana Sousa

For the last ten years, the Luanda Triennial, the biggest international art event in the Angolan capital, marked the art scene in Luanda. The event, designed by Fernando Alvim, had its first edition in 2007 but for the previous five years several small events took place in order to prepare the momentum and gather support for the triennial itself. These years marked the exposure of Angolan artists to the global arts scene through conferences and residencies by artists such as Miquel Barceló and DJ Spooky, among others. At the same time, the project was being shown in the international arena creating the space for Angola to take part in the debate on African art not only through individual artists but through a national position, although Fernando Alvim was and still is an individual running a private institution. This was the context in which artists like Kiluanji Kia Henda and Yonamine entered the global scene and was also the context that maximized collecting efforts already in place.

In a scenario where there were no art museums or galleries, private and institutional collectors were the main patrons in Angola. The internationalization of Angolan art, however, brought new responsibilities to this group who kept supporting the arts but also developed a more critical view since they too were more exposed.

This private story of the Angolan art had a recent and interesting turn: the attention of the government and their possibly – one hopes – new policy will be implemented in the field, from copyright to museums and art schools. In 2012, Kiluanji Kia Henda received the National Prize for Culture, by the Ministry of Culture, for the internationalization of Angolan art. Even more recently, the Angolan Pavilion won the Golden Lion at the Venice Biennale for the Best National Participation with the Luanda: Encyclopaedic City by the artist Edson Chagas. An exhibition curated by Beyond Entropy (Paula Nascimento and Stefano Pansera).

The pavilion commissioned by the Angolan Ministry of Culture put in place two shows that I think reflect the changes contemporary art is going through in Angola. The national ethos suggested by the title “Angola em Movimento” of the show curated by Jorge Gumbe is being questioned by contemporary practice and the way artists see and represent themselves. There is a new generation of artists experimenting with different media who are independent from the political ideologies of Angolan recent history, artists who rather see themselves as part of a global geography, both political and artistic.

New projects and actors are arising and shaping the actual moment in the Luanda art scene. Since 2012, Carlos Major has been developing a curatorial project, Vidrul Fotografia, which consists of showing four artists for a month. The last edition showed the work of Kiwla, N’Dilo Mutima, Renato Fialho, and Adiddy Love. The project has the merit of bringing new artists to the forefront while also experimenting with new places in the city, not necessarily typical exhibition rooms. That was the case in its last edition that took place at the main post office station of Luanda. And that is also the case for e.studio a cultural enterprise initiated by António Ole, RitaGT, Francisco Vidal, and Nelo Teixeira, a group of artists who developed an art space which aims to display and promote the production and discussion on arts. Institutions such as the Portuguese Cultural Centre and the Foundation for Arts and Culture, an Israeli organisation, are also spaces developing regular cultural programs with national artists and curators.

Recently talking to the photographer Indira Mateta, we were questioning the visibility of Angolan female artists. The lack of formal education is most likely one of the reasons for the marginalisation of female artists, as well as the informal apprenticeship systems that tend to relegate them to a secondary role, all contributing to associating women in the arts with crafts. Marcela Costa has been trying to challenge this for several years in her atelier/art space gathering a community of art lovers and celebrating female artists. However, female artists have a hard time when it comes to being acknowledged as contemporary artists in the local scene.

The art world in Luanda is young and vibrant with a political impact that is yet to be understood, and together with subcultures such as kuduro, it stands for a new kind of politics that implicates daily life and reflects itself in everyday action. In a country that used to be silent about issues such as politics, this is an exciting change.

Suzana Sousa lives and works in Luanda as an independent curator. She is one of the curators of the next  Luanda Triennial.

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